Über gute Zutaten, jahrelange Reifung, den eigenen Charakter und die Erkenntnis, dass man Qualität nicht beschleunigen kann.
Auf den ersten Blick haben ein guter Whisky und eine gute Moderation wenig miteinander zu tun. Das eine geniesst man vorzugsweise in einem Glas, das andere auf einer Bühne, vor einer Kamera oder am Mikrofon. Und doch gibt es erstaunlich viele Parallelen.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich überzeugt: Einen guten Whisky herzustellen und ein guter Moderator zu werden, folgen ziemlich ähnlichen Prinzipien.
Es beginnt mit den richtigen Zutaten
Für einen guten Whisky braucht es hochwertige Rohstoffe. Wasser, Getreide, Hefe. Eigentlich ziemlich überschaubar. Entscheidend ist, was man daraus macht.
Bei einer guten Moderation ist das ähnlich. Die Zutaten heissen Neugier, Empathie, Schlagfertigkeit, Wissen und Humor. Dazu kommen eine gute Stimme, Präsenz und die Fähigkeit, Menschen zuzuhören.
Aber die besten Zutaten allein garantieren noch kein gutes Ergebnis. Man muss wissen, wie man sie einsetzt.
Ein Moderator kann rhetorisch brillant sein und trotzdem sein Publikum nicht erreichen. Genauso wenig wird aus hervorragendem Getreide automatisch ein hervorragender Whisky.
Das Handwerk entscheidet.
Die Reifezeit lässt sich nicht abkürzen
Ein guter Whisky braucht Zeit. Er liegt über Jahre im Holzfass, nimmt Aromen auf, verändert sich und entwickelt seinen Charakter. Dabei spielen das Fass, die Umgebung und die Dauer der Lagerung eine entscheidende Rolle.
Ein guter Moderator braucht ebenfalls Jahre, um seinen Charakter zu entwickeln. Nur reift er nicht im Holzfass, sondern auf der Bühne.
Mit jedem Auftritt kommen neue Erfahrungen dazu. Man lernt, mit Nervosität umzugehen, schwierige Gesprächspartner zu führen, auf Unvorhergesehenes zu reagieren und manchmal einfach die Klappe zu halten.
Gerade Letzteres ist eine Fähigkeit, die man gerne unterschätzt.
Ich erinnere mich an Moderationen, bei denen ich im Nachhinein dachte: Das hätte ich besser machen können. An Pointen, die nicht funktioniert haben. An Fragen, die ins Leere liefen. Und an Situationen, in denen ich gerne etwas schlagfertiger gewesen wäre.
Aber genau diese Momente sind wichtig. Sie gehören zum Reifeprozess.
Erfahrung bedeutet nicht, dass man keine Fehler mehr macht. Sondern dass man gelernt hat, besser mit ihnen umzugehen.
Die Kunst der Entfaltung
Wer sich mit Whisky beschäftigt, weiss, dass sich seine Aromen nicht alle gleichzeitig zeigen. Man entdeckt unterschiedliche Noten in der Nase, am Gaumen und im Abgang. Manchmal verändert schon ein Tropfen Wasser das Geschmackserlebnis.
Auch eine gute Moderation sollte sich entfalten dürfen.
Ein Gespräch muss nicht mit der spektakulärsten Frage beginnen. Eine Geschichte braucht einen Aufbau. Humor funktioniert oft dann am besten, wenn man ihn nicht erzwingt. Und manchmal entsteht der stärkste Moment eines Abends völlig ungeplant.
Genau darin liegt für mich der Reiz der Moderation.
Natürlich braucht es Vorbereitung. Ich halte sie sogar für einen der wichtigsten Bestandteile einer guten Moderation. Aber Vorbereitung bedeutet nicht, dass man stur an einem Drehbuch festhalten muss.
Im Gegenteil: Je besser ich vorbereitet bin, desto freier kann ich auf der Bühne agieren.
Ein guter Moderator weiss, wann er führen muss, wann er sich zurücknehmen sollte und wann es sich lohnt, einen ungeplanten Moment auszukosten.
Das gewisse Etwas
Jetzt wird es schwierig. Denn was macht einen wirklich guten Whisky aus? Und was unterscheidet einen guten Moderator von einem aussergewöhnlichen?
Natürlich kann man Qualität anhand verschiedener Kriterien beurteilen. Beim Whisky sind es beispielsweise die Balance, die Komplexität und der Abgang. Bei einer Moderation die Sprache, Präsenz, Dramaturgie oder Gesprächsführung.
Aber dann gibt es noch etwas, das sich kaum messen lässt.
Charakter.
Ein Whisky kann technisch hervorragend gemacht sein und mich trotzdem nicht begeistern. Ein Moderator kann perfekt sprechen, sämtliche Regeln der Rhetorik beherrschen und dennoch wenig auslösen.
Vielleicht liegt es daran, dass Perfektion allein selten in Erinnerung bleibt.
Ich mag Moderatoren, die eine eigene Handschrift haben. Die sich etwas trauen, auch einmal über sich selbst lachen können und nicht versuchen, jedem zu gefallen.
Denn Persönlichkeit entsteht nicht dadurch, dass man alles richtig macht. Sondern auch dadurch, dass man seinen eigenen Weg findet.
Nicht jeder trifft jeden Geschmack
Ein rauchiger, torfiger Whisky kann für den einen das Grösste sein und für den anderen eine Zumutung.
Bei Moderatoren ist das nicht anders.
Die einen mögen es laut, schnell und humorvoll. Andere bevorzugen eine ruhige, sachliche Gesprächsführung. Was bei einem Publikum hervorragend funktioniert, kann bei einem anderen völlig danebengehen.
Deshalb halte ich wenig davon, den einen perfekten Moderationsstil definieren zu wollen.
Viel wichtiger ist, dass Stil, Persönlichkeit, Anlass und Publikum zusammenpassen.
Und dass man dabei authentisch bleibt.
Holzfass oder Bühne – Hauptsache, man entwickelt sich
Ein guter Whisky und ein guter Moderator entstehen nicht über Nacht.
Beide brauchen hochwertige Zutaten, handwerkliches Können, die richtige Umgebung und vor allem Zeit. Der Whisky reift im Holzfass. Der Moderator auf der Bühne.
Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Während der Whisky im Fass vor allem Zeit braucht, muss ein Moderator aktiv an seiner Entwicklung arbeiten. Neue Erfahrungen sammeln, sich hinterfragen, Feedback annehmen und immer wieder Neues ausprobieren.
Denn nur älter zu werden, macht noch niemanden besser.
Mein Fazit: Reife ist keine Frage der Jahre allein, sondern dessen, was man aus ihnen macht.
Und bei beiden merkt man ziemlich schnell, wenn sie noch nicht ganz reif sind.
In diesem Sinne: Auf die nächsten Jahre, spannende Begegnungen, überraschende Momente und die eine oder andere neue Geschmacksnote.
Slàinte! 🥃