Radio hat kein Glaubwürdigkeitsproblem. Aber vielleicht ein Marketingproblem.

Während die Medienbranche über künstliche Intelligenz, Algorithmen und sinkende Reichweiten diskutiert, zeigt eine neue Studie, dass Radio über etwas verfügt, das sich andere Plattformen erst erarbeiten müssen: Glaubwürdigkeit. Nur scheint die Branche selbst manchmal vergessen zu haben, wie wertvoll das ist.

Wann hast du zuletzt eine Kampagne gesehen, die dir erklärt, weshalb Radio eigentlich ein verdammt gutes Medium ist?

Nicht für einen einzelnen Sender. Nicht für eine Morgenshow oder ein Gewinnspiel. Sondern für Radio als Ganzes.

Mir fällt spontan keine ein, die nachhaltig hängen geblieben ist. Dabei hätte die Branche durchaus einiges zu erzählen.

Vertrauen ist keine Selbstverständlichkeit mehr

Das neue Jahrbuch «Qualität der Medien 2026» des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich liefert einige bemerkenswerte Erkenntnisse.

76,4 Prozent der Befragten geben an, auf Social Media häufig Desinformation wahrzunehmen. Bei Videoportalen sind es 59,8 Prozent, bei KI-Chatbots 42,6 Prozent.

Und beim Radio? Gerade einmal 13,7 Prozent.

Das bedeutet nicht automatisch, dass Radio das vertrauenswürdigste Medium überhaupt ist. Aber es zeigt, dass die Bevölkerung Radio deutlich seltener mit Desinformation in Verbindung bringt als digitale Plattformen.

Hinzu kommt: Die untersuchten öffentlichen Radioprogramme erreichen bei der journalistischen Qualität 7,5 von 10 Punkten und gehören damit zur Spitze der Schweizer Medienlandschaft.

In einer Zeit, in der praktisch jeder Inhalte produzieren, veröffentlichen und mithilfe von KI täuschend echt manipulieren kann, ist das ein bemerkenswerter Vorteil.

Nur: Wer spricht eigentlich darüber?

Wir verkaufen Reichweite. Dabei hätten wir so viel mehr.

Ich habe rund 20 Jahre in der Radio- und Fernsehbranche gearbeitet. In dieser Zeit habe ich unzählige Diskussionen über Reichweiten, Marktanteile, Zielgruppen und Werbepreise erlebt.

Alles wichtig. Keine Frage.

Aber wie oft sprechen wir darüber, was Radio emotional und gesellschaftlich leistet?

Radio begleitet Menschen durch ihren Alltag. Es ist morgens in der Küche, auf dem Arbeitsweg im Auto, im Büro oder am Abend zu Hause. Es informiert, unterhält, überrascht und schafft Vertrautheit.

Und vor allem: Hinter den Stimmen stehen Menschen.

Menschen, die recherchieren, einordnen, Geschichten erzählen, zuhören und manchmal auch Fehler machen. Menschen, zu denen das Publikum über Jahre eine Beziehung aufbaut.

Das ist etwas, das weder ein Algorithmus noch eine perfekt generierte KI-Stimme ohne Weiteres ersetzen kann.

Natürlich verändert sich die Radionutzung. Natürlich müssen wir über Streaming, Podcasts und digitale Verbreitung sprechen. Aber wir sollten dabei nicht vergessen, was das Medium überhaupt stark gemacht hat.

Glaubwürdigkeit allein bezahlt keine Rechnungen

Bei aller Begeisterung für Radio darf man eines nicht vergessen: Vertrauen allein garantiert noch keinen wirtschaftlichen Erfolg.

Auch das zeigt das Jahrbuch. Die wirtschaftliche Grundlage des Schweizer Journalismus steht unter Druck. Während die Werbeeinnahmen der Schweizer Medien 2025 auf 1,94 Milliarden Franken sanken, erzielten internationale Technologieplattformen gemäss Schätzungen zwischen 2,08 und 2,55 Milliarden Franken.

Es reicht also nicht, sich auf die eigene Tradition zu berufen.

Die Branche muss ihre Wirkung belegen, ihre Angebote weiterentwickeln und ihre Stärken dort sichtbar machen, wo über Werbebudgets entschieden wird.

Und sie muss aufhören, sich ständig nur über ihre Herausforderungen zu definieren.

Weniger Rechtfertigung. Mehr Selbstbewusstsein.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus dem Jahrbuch mitnehme.

Während andere Plattformen mit Glaubwürdigkeit kämpfen, verfügt Radio über eine vergleichsweise starke Ausgangslage. Das ist kein Freipass. Aber eine Chance.

Wir müssen Radio nicht neu erfinden, um seine Bedeutung zu erklären. Wir müssen nur wieder bessere Geschichten darüber erzählen.

Denn Radio hat viel zu bieten. Es sollte nur endlich wieder lauter darüber sprechen.

Grundlage: fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft, Universität Zürich, Jahrbuch «Qualität der Medien 2026».

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Ein Jubiläum ist noch keine Geschichte. Aber es kann eine werden.